Der Huflattich – oder: Die Blüte ohne Blätter

m nordischen Wald bestaunen Tiere und eine alte Frau die erste leuchtende Huflattichblüte, während der Tannenmann im Baum wacht und im Hintergrund Tarja mit ihrem Pferd erscheint.


Erzählt vom Tannenmann

Im Wald war der erste Schnee geschmolzen.
Die Vögel übten schon ihre ersten Lieder –
doch noch war alles grau, kalt und ein wenig müde.

Da geschah etwas Seltsames.

Auf einer kahlen Stelle am Waldrand,
wo sonst nur Stein und Moos sich mühten,
leuchtete plötzlich eine gelbe Blüte.

„Das ist zu früh!“, quiekte die Spitzmaus.
„Viel zu früh“, brummte der Dachs.
„Und wo sind überhaupt die Blätter?“, fragte der Eichelhäher und hüpfte näher.

Alle kamen.

Sie schnupperten, sie schnatterten, sie beäugten die kleine Blume,
die sich einfach so getraut hatte, vor allen anderen zu blühen.

„Der Frühling spinnt“, murmelte der Fuchs.
„Vielleicht ist sie falsch herum gewachsen?“, überlegte das Wildkaninchen.

Am Ende gingen sie zum Tannenmann.
Denn wenn einer es weiß, dann er.

Der Tannenmann schwieg einen Moment,
blinzelte in den Morgennebel
– und begann zu erzählen.

 

„In jener Nacht, als noch kein Vogel sang und der Frost leise unter dem Boden schlief, wanderte Tarja mit Eir, der Heilerin unter den Göttinnen.

Sie suchten einen Ort für neues Leben – und fanden einen Platz, den alle vergessen hatten: karg, steinig, leer.

Eir streute Blätterstaub auf die Erde, träufelte Zauberwasser, und der Ort begann zu atmen.

Doch dann – ein Wiehern!

Tarjas Pferd, die wilde Jarplitfara, sprang mitten in das Ritual.

Ihre Hufe stampften, die Erde bebte, der Zauber wirbelte auf.

Und was da geschah …

daraus wuchs – ohne Blatt, aber mit Mut –
der Huflattich.

Früh.
Frech.
Voller Kraft.

Die Blätter kamen später.
Wie ein Versprechen.

Aber die Blüte –
die war zuerst da.

Weil sie nicht warten wollte.“

 

Die Tiere staunten

 

„Also ist er eine Zauberblume?“, fragte die Maus.

 

„Eine Pferde-Zauberblume“, sagte der Tannenmann und lächelte.
„Heilend. Früh. Und nie ganz wie die anderen.“

 

Seitdem,
wenn irgendwo der erste gelbe Huflattich blüht,
halten die Tiere kurz inne –

 

und überlegen,

 

ob da nicht wieder irgendwo ein Pferd
durch ein Wunder galoppiert ist.

 


 

Diese Geschichte stammt aus meinem Buch

 

Die Pflanzenmagie des Nordens – Das Erbe der Wälder

 

Mehr über die Pflanzen des Nordens findest du auf
ayons-welt.de

 

 

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